Rezensionen zu aktuellen deutschen Filmen, Informationen zum Gebrauch
von Filmen im Unterricht.
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Aktueller Stand (Mai 2007):52
Rezensionen online
Für Ihre Schüler (leider nur auf Niederländisch) gibt es im vaklokaal
Duits eine
Liste deutscher
Filme mit Kurzbeschreibungen.
Auch gibt es im vaklokaal im
Duitsland-ABC ein SPEZIAL:
De Duitse film toen en nu (Der
deutsche Film - früher und jetzt)
Anmerkungen, Hinweise, Lob und Kritik: Paul Goossen: info AT
duits.de
Titel und Erscheinungsjahr
Fremder Freund (2003)
Kurzinhalt
Yunes, geboren im Yemen, studiert in Berlin.
Er wohnt in einer kleinen WG-Wohnung mit Chris zusammen. Zwischen den
beiden entsteht eine innige Freundschaft. Dann ist Yunes plötzlich wie vom
Erdboden verschluckt. Kurze Zeit später schockieren die Attentate vom 11.
September 2001 die Welt. Chris denkt an die Attentäter, die in Hamburg
völlig unauffällig und anonym lebten. Er erinnert sich, wie Yunes über
Nacht zu einem streng gläubigen Islamisten wurde. Jetzt ist Yunes weg.
Doch, was weiß er eigentlich von Yunes? War Yunes etwa auch ein Attentäter?
Regisseur
Elmar Fischer
Hauptdarsteller
Navid Akhavan
Antonio Wannek
Mina Tander
Marvie Hörbiger
Meine Bewertung
Inhalt
Er sagt nicht, dass er gehen will. Er verabschiedet
sich von niemanden. Er feiert noch einmal, als ob es kein Morgen gäbe, und am
nächsten Tag verschwindet er: Yunes (Navid Akhavan), 22 Jahre alt, Student der
Verfahrenstechnik in Berlin. Geboren im Jemen.
vlnr: Yunes, Chris, Nora (zunächst Yunes' Freundin), Julia (Chris'Freundin)
Chris (Antonio Wannek), sein
deutscher Mitbewohner, beginnt sich Sorgen zu machen. Er erinnert sich an
ihre Freundschaft: Das Kennenlernen in einem türkischen Gemüseladen, die
vorsichtige Annäherung zweier fremder Kulturen, die Gespräch über Frauen,
die wunderbare Zeit mit Julia (Mina Tander) und Nora (Mavie Hörbiger).
Wenn es wirklich darauf ankam, waren Chris und Yunes für einander da. Aber
es gab auch Dinge, die Chris nie verstanden hat: Momente, in denen bei
Yunes ein Stolz und ein Zorn aufblitzen, die alle um ihn herum erschreckt
haben.
Chris
macht sich auf die Suche, Yunes Eltern im Jemen wissen nichts, genauso
wenig wie seine Ex-Freundin. Den Kontakt zu seinen Freunden hat er
aufgegeben, seine Islam-Gruppe ist aufgelöst. Er bleibt unauffindbar; dann
kommt der 11. September 2001...
[Quelle: Stardust Filmverleih]
Anmerkung von Regisseur Elmar Fischer [zitiert
nach: Website ZDF]
"Wenn wir heute über die
Anschläge auf das World Trade Center reden, dann sprechen wir auch über
die Marienstrasse in Hamburg-Harburg. Eine normale, biedere Wohngegend,
ein irgendwie vergessener Stadtteil von Hamburg. Hier, wo das deutsche
Alltagsleben deutscher und alltäglicher nicht sein könnte, nahm alles
seinen Anfang. Eine Studenten-WG, ein paar junge Männer, ein paar fixe
Ideen. Marek, ein junger deutscher Schüler, ging hier aus und ein. Und
Said Bahaji, einer der Hauptverdächtigen, hatte einen deutschen Pass, eine
deutsche Freundin und leistete seinen Wehrdienst bei der Bundeswehr.
Hätten wir etwas bemerken
können, bemerken müssen? Ich denke nicht an die Arbeit der Geheimdienste
oder staatlich-protegierter Hobby-Spitzel. Nein, mitten unter uns wird ein
heimtückischer Massenmord geplant. Und drum herum reden wir über Fußball,
das Wetter, die Wirtschaftskrise.
Wie nah kann man sich
sein, ohne fremd zu bleiben? Die Freundschaft zweier junger Männer, eng,
verbunden, fast intim, findet ihre Heimat an einem Küchentisch, der zu
klein ist für Geheimnisse. So scheint es. Und dennoch: Alles könnte anders
sein, als man denkt. Ein faszinierender Gedanke, der mich bei der
Inszenierung von "Fremder Freund" geleitet hat. Stets unterlegt mit den
Fragen: Welchen Verdacht darf ich mir erlauben? Sind meine Zweifel legitim
in einer Zeit, in der aus Vorurteilen Gesetze werden?"
Didaktische Bewertung
sprachliche Verständlichkeit
Alle Schauspieler sprechen zum Glück sehr klar, dennoch freut man sich
über die deutschen Untertitel auf der DVD!
thematisch
Hier geht es einerseits um Freundschaft und Vertrauen, andererseits um
Vorurteile und darum, dass Menschen oft aneinander vorbei reden, sogar in
den Situationen wenn sie intensiv miteinander umgehen.
Fazit
& Filmkritik
Frage: Was kann man mit einem Budget von 80.000 Euro groß
anstellen? Antwort: Einen kleinen großen Film machen! Fremder Freund ist ein
bemerkenswerter und empfehlenswerter Film. Erstmal durch die Thematik und noch
dazu durch die hervorragenden Schauspieler. Auch der dokumentarische Stil, die
vielen Aufnahmen mit Handkamera - gedreht wurde in digitaler Videotechnik - in
der engen Berliner Wohnung, die die Vertrautheit und große Nähe zwischen Chris
und Yunes widerspiegeln, sowie die oft gelungenen Dialogimprovisation der
Schauspieler, wirken überzeugend.
Die Thematik ist zeitlos, doch angesichts der weltweiten Folgen
der Attentate vom 11. September 2001 besonders aktuell. Man glaubt zunächst als
Zuschauer, zusammen mit Chris, dass man Yunes als freundlichen, weltoffenen und
symphatischen Menschen zu kennen. Doch langsam - der Film arbeitet mit kleinen
Flashbacks - wird klar, dass in Yunes vieles vorgeht, das vielleicht
unbemerkt bleiben sollte, andererseits leicht überhört werden kann. Die
gescheiterte Liebesbeziehung zu Nora zeigt einen Yunes, der radikal mit ihr
bricht. Er erzählt unter Freunden manchmal über das Schicksal der Palästinenser,
in einer Art und Weise, die jede offene Diskussion ausschließt. Er engagiert
sich in einer Islam AG an der Uni. Dann wird er über Nacht zu einem streng
gläubigen Islamisten. Chris erkennt seinen Freund nicht wieder, er schreit ihn
an: "Ich lass mich doch davon den Freund nicht wegnehmen!". Yunes scheint
zunehmend zerrissen zu sein: Einerseits steht er den westlichen
Wertvorstellungen kompromisslos und feindlich gegenüber, andererseits möchte er
den Freund nicht verlieren. Chris spürt die Veränderungen, hinterfragt sie
jedoch kaum. Am Ende des Films bleibt offen, ob Yunes zu den Attentätern gehörte
oder nicht. Der Zuschauer soll sich selbst eine Meinung bilden und sich auf eine
Diskussion einlassen, in der Freundschaft, Vertrauen, Vorurteile und
gegenseitige Unwissenheit eine zentrale Rolle spielen.
didaktische Möglichkeiten
Die Thematik bietet es geradezu an, genau darüber zu diskutieren.
Fragen wie: Warum hat der Film ein offenes Ende? Was ist der Effekt auf den
Zuschauer? Woher kommt es, dass Yunes zunehmend radikalisiert? Man kann über die
Rolle des Glaubens zu sprechen kommen, darauf wie Menschen trotz großer
Unterschiede miteinander im Gespräch bleiben oder kommen können. Man kann auch
darüber diskutieren, wie Menschen verschiedener Religionen den Film wahrnehmen.
Kernfrage ist die Frage, die sich auch Chris im Film stellt: "Ich habe einen
schrecklichen Verdacht, für den ich mich schäme. Wir sind doch Freunde? Wir
waren Freunde, waren wir das?"
Als Vorbereitung darauf, könnte man die Schüler bitten, während
des Zuschauens das Verhalten von einer bestimmten Figur im Film genauestens zu
beobachten. Selbstverständlich sind Chris und Yunes die wichtigsten Figuren,
doch die Rolle der Freundinnen könnte man auch beobachten. Welche Signale nimmt
man wahr? Welche Gründe für Yunes' Veränderung? Ab wann könnte man sagen: Die
Freundschaft ist "tot"?
... weitere DVD-Rezensionen:
Besonders empfohlen für den Unterricht
Kriterien: Wenig Vorwissen erforderlich, deutsche Untertitel bzw. akustisch gut verständlich, jugendgerechte Themen, normale Länge (ca. 90 Minuten)
Kriterien: Keine Untertitel bzw. sprachlich schwieriger verständlich, spezifischere Themen, inhaltlich bzw. künstlerisch
anspruchsvoller (oder gerade: anspruchslos!), mehr Vorwissen erforderlich, auch längere Filme (> 100 Min.)
Zu
anspruchsvoll oder - für die Schule - "durchgefallen"
Kriterien: Themen eher für Erwachsene, viel Vorwissen erforderlich, längere Filme, keine Untertitel bzw. sprachlich anspruchsvoll, Filme, die ich aus anderen gründen nicht im Unterricht einsetzen würde