Rezensionen zu aktuellen deutschen Filmen, Informationen zum Gebrauch
von Filmen im Unterricht.
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Aktueller Stand (Mai 2007):52
Rezensionen online
Für Ihre Schüler (leider nur auf Niederländisch) gibt es im vaklokaal
Duits eine
Liste deutscher
Filme mit Kurzbeschreibungen.
Auch gibt es im vaklokaal im
Duitsland-ABC ein SPEZIAL:
De Duitse film toen en nu (Der
deutsche Film - früher und jetzt)
Anmerkungen, Hinweise, Lob und Kritik: Paul Goossen: info AT
duits.de
Titel und Erscheinungsjahr
Falscher Bekenner (2006)
Kurzinhalt
Armin
hat gerade die Mittlere Reife hinter sich. Er steht einigermaßen ratlos an
der Schwelle zum Erwachsenenleben, bedrängt vom mütterlichen Wohlwollen,
den väterlichen Erwartungen, dem leuchtenden Vorbild der älteren Brüder,
vergeblichen Bewerbungsgesprächen und der endlosen Langeweile des
Vorstadtlebens. Er beginnt, wahllos anonyme Bekennerbriefe zu schreiben,
zuerst zu einem Unfall, dessen Zeuge er war, dann zu Verbrechen, von denen
er in der Zeitung liest. Ein Spiel, in dem sich die Grenzen zwischen
Fantasie und Wirklichkeit immer mehr verschieben. Bald reicht es Armin
nicht mehr, nur so zu tun, als sei er schuld.
Es ist Nacht, die Autobahn leer. Armin ist allein unterwegs,
zu Fuß, immer an der Leitplanke entlang. Ein Jaguar, zerschellt an einem
Brückenpfeiler, das Gesicht des Fahrers leblos. Was Armin bewegt, eines der
Trümmerteile an sich zu nehmen, weiß er nicht.
Im gemütlichen Beisammensein mit der ganzen Familie wirkt Armin deplaziert.
Jeden Tag eine Bewerbung, das haben seine Eltern mit ihm
ausgemacht, seit er die Mittlere Reife in der Tasche hat. Armin weiß nicht
recht, was er werden will. Das Jugendzimmer bei den Eltern, das familäre
Wohlwollen, die Brüder, die ihren Weg längst gemacht haben – all das scheint
Armin zu bedrängen und zu lähmen. Nun sitzt er an seinem Schreibtisch, die
Spurstange, das Relikt der letzten Nacht, vor sich. Aus dem Bewerbungsschreiben
wird ein Bekennerbrief: ‚Dieser Unfall war mein Werk...‘.
In der Autobahntoilette hinterlässt er Spuren.
Im Bus Katja, die hübsche, unerreichbare Nachbarstochter.
Armin steigt aus. Die Presse berichtet über den Unfalltoten, einen Bankier. Der
Brief des Bekenners wird geprüft, man nimmt ihn ernst.
Katja weiß nicht so recht, was sie von Armin halten soll.
Wieder ist es dunkel, der Verkehr rauscht in der Ferne
vorbei. Armin in einer Toilette an der Autobahn, sehnsüchtige, obszöne Sprüche
auf abwaschbaren Fliesen, er in einer Gruppe von Männern auf schweren Maschinen,
die wilde, nächtliche, berauschende Fahrt.
Armin absolviert seine Bewerbungsgespräche. Was ist Ihre
Lieblingsfarbe? Sind Sie ein Teamplayer? Was interessiert Sie am Beruf des
Reisekaufmanns? Es geht nicht recht voran. Den nächsten Bekennerbrief schreibt
Armin nach einem Brand in der Innenstadt. Die Zeitungen berichten groß. Langsam
wird deutlich, dass hier ein falscher Bekenner am Werk ist. Was er denn so
mache, fragt Katja beim Pommes-Essen. Das willst du lieber nicht wissen, sagt
Armin. Und lächelt.
Quelle: Webseite zum Film
Didaktische Bewertung
Sprachliche Verständlichkeit
Im allgemeinen gut verständlich,
doch für Schüler zu schwierig: es fehlen Untertitel.
Fazit
& Filmkritik
Erst nach einiger Zeit erkennt man in der Dunkelheit die
Silhouette eines jungen Mannes. Wie wir spÄter erfahren, handelt es sich um den
jungen Armin, etwa 17 Jahre alt, soeben die mittlere Reife bestanden. Er läuft
in einem Gebiet wo es Fußgänger gar nicht gibt, im Niemandsland direkt an der
Autobahn. Wir verfolgen ihn, wie er scheinbar ziellos weiterläuft. Plötzlich
sieht er im Dunkel ein Auto, verunglückt gegen einen Baum. Der Rauch steigt noch
von unter der Motorhaube hervor, über dem Lenkrad gebeugt ein toter Mann. Armin
schaut nur kurz hin, sein Interesse wird geweckt durch einen Gegenstand auf der
Fahrbahn. Es ist ein mechanisches Teil aus dem verunglückten Auto. Er hebt es
auf und nimmt es als Trophäe mit nach Hause.
Die Welt des
Niemandslands an der Autobahn, so wird bald klar, bedeutet für Armin eine freie
Zone, ohne die Regeln und Zwänge, die es in den anderen Welten gibt. Hier
spielen sich auch seine sexuellen Fantasien ab, mit schwarzgekleideten
Motorradfahrern, die nachts das Toilettenhaus an der Autobahn besuchen.
Regisseur Hochhäusler lässt den Zuschauer bewusst im Ungewissen, ob es sich hier
um Wirklichkeit oder Fantasie geht.
Armin lebt in noch zwei
anderen Welten. Die Welt des Elternhauses ist für ihn gleichbedeutend mit
Langeweile, sozialen Riten und Anpassung. In familiärer Gesellschaft ist er
manchmal unangepasst, oft jedoch apathisch, zieht sich am liebsten zurück auf
sein Teenagerzimmer, mit den Autopostern an den Wänden. Hier schreibt er auch
lustlos die Bewerberschreiben, die seine freundliche und gleichzeitig ehrgeizige
Eltern von ihm verlangen ("Ein Bewebungsschreiben pro Tag, das war die
Abmachung"). Seine beiden älteren Brüder wohnen nicht mehr zu Hause, gelten
jedoch den Eltern als Vorbild für Armin.
Und dann gibt es noch
die Außenwelt. Die Welt in der man sich selbst im BewerbungsgesprÄch erfolgreich
verkaufen soll. Die Welt, in der man sich auch gewissen Konventionen unterwerfen
sollte, um die Liebe der hübschen Katja zu gewinnen. Wir verfolgen Armin während
einer Reihe von chancenlosen Bewerbungsgesprächen und mindestens so chancenlosen
Annähungersversuche mit Katja.
Irgendwo, verloren zwischen diesen
Welt, irrt Armin herum. Als Zuschauer irren wir mit ihm herum. Wir sehen, wie
ihm die Welt an der Autobahn befreit von allen Zwängen und zugleich Spannung
bietet, wie die Welt des Elternhauses zur Anpassung zwingt, wie die Welt
außerhalb für ihn unverständlich und unzugänglich bleibt. Nirgendwo ist für
Armin, so wie er jetzt ist, ein Zuhause.
Doch beim lustlosen Verfassen eines Bewerbungsschreibens am PC,
schreibt er plötzlich etwas ganz anderes auf. Er bekennt sich zum Unfall auf der
Autobahn. Ein anonymes und falsches Bekennerschreiben. Im Lauf der Zeit folgen
weitere Schreiben, zu Unfällen oder Bränden, über die er im Fernsehen oder in
der Zeitung erfahren hat. Endlich passiert etwas in seinem Leben. Er findet
Anerkennung, denn Zeitungen und Fernsehen berichten über die geheimnisvollen
Bekennerbriefe. Endlich ist er wer, zumindest in der virtuellen Welt. Die
Polizei ist alarmiert und ist ihm auf der Spur. Als er am Ende seines Spiels mit
Wirklichkeit und Fantasie verhaftet wird, sieht man zum ersten Mal ein breites,
glückliches Lachen auf seinem Gesicht.
Falscher Bekenner ist fazettenreicher Film, der weit über
das Format eines "coming of age" Films hinausgeht. Auch ist es mehr als ein
Porträt einer jungen Generation. Und nein, es geht auch nicht um die kritische
Betrachtung der Moral des Anti-Helden Armin. Falscher Bekenner ist
vielmehr eine präzise Beschreibung der Frage: Wie bleibt man und wie wird man
sich selbst in einer Welt voller familiärer und gesellschaftlicher Zwänge und
Konventionen? Hochhäusler zeigt dies im ratlosen und orientierungslosen Suchen
des Armin, wie in der präzisen Schilderung des bürgerlichen Elternhausen und in
den eisernen Gesetzen des "funktionieren-müssens" in der Marktwirtschaft.
Obwohl Falscher Bekenner - wie Hochhäuslers
Milchwald - ein anspruchsvoller Film ist, so kann man sich als Zuschauer
dennoch auf einige grandiose Beispiele von "Realsatire" freuen. Da wären zum
Beispiel die Bewerbungsgespräche, die nebenbei ein wunderbares Spektrum der
Abgründe aufzeigen, die es dort gibt. Oder die Rituale des gelangweilten
Fernsehkonsums und sonntäglichen Mohnkuchenessens in der Vorstadtsiedlung.
Hauptdarsteller Constantin von Jascheroff gewann für seine hervorragende
Leistung den Preis für den besten Hauptdarsteller auf dem Filmfest München.
Französische Filmkritiker von "Cahiers du cinéma" sind begeisterte Fans der
Filme von Christian Petzold (Wolfsburg, Die innere Sicherheit, Gespenster,
Yella) en Hochhäusler (Milchwald), die sie unter dem
Nenner "nouvelle vague allemande" sehen. Unabhängig davon, fand ich
Falscher Bekenner eine der unbequemsten und eindringlichsten deutschen
Filme, die ich je gesehen habe.
Obwohl die Thematik sicherlich für Schüler in den höheren
Klassen (ab ca. 17 Jahre) geeignet ist, erfordert die Druchbrechung des
klassisschen "Geschichte erzählens" die Fähigkeit, hinter den Bildern zu
schauen. Auch die sexuell expliziten Szenen und die Tatsache, dass der Regisseur
den Zuschauer darin bewusst im Ungewissen lässt, erfordern eine sorgfältige
Begleitung beim Zuschauen. Auch weil Untertitel fehlen, würde ich den Film nicht
im Unterricht gebrauchen. Vielleicht kämen allerdings die Bewerbungsgespräche in
Betracht, denn diese sind auch ohne Kontextwissen verständlich und überzeugend.
... weitere DVD-Rezensionen:
Besonders empfohlen für den Unterricht
Kriterien: Wenig Vorwissen erforderlich, deutsche Untertitel bzw. akustisch gut verständlich, jugendgerechte Themen, normale Länge (ca. 90 Minuten)
Kriterien: Keine Untertitel bzw. sprachlich schwieriger verständlich, spezifischere Themen, inhaltlich bzw. künstlerisch
anspruchsvoller (oder gerade: anspruchslos!), mehr Vorwissen erforderlich, auch längere Filme (> 100 Min.)
Zu
anspruchsvoll oder - für die Schule - "durchgefallen"
Kriterien: Themen eher für Erwachsene, viel Vorwissen erforderlich, längere Filme, keine Untertitel bzw. sprachlich anspruchsvoll, Filme, die ich aus anderen gründen nicht im Unterricht einsetzen würde